#JeNeSuisPasAutofahrer. Warum die Einteilung von Menschen in Fahrzeugklassen großer Humbug ist.

Als tagesschau.de kürzlich eine Meldung zu Tempo 30 in der belgischen Hauptstadt mit „Brüssel will Autofahrer abschrecken“ überschrieb, ging ein Aufschrei durch die Verkehrswende-Community. Große Geschütze wurden aufgefahren, bis hin zur Unterstellung, öffentlich-rechtliches Fernsehen stünde ja auch unter Kuratel der Autoindustrie. Puh…

Wer allerdings genauer hinschaute, stellte fest, dass es gar nicht die Brüsseler Korrespondentin, sondern die Verkehrsministerin war, die die Einführung von Tempo 30 als Affront verkauft hat.  

„Autofahrer sollen sich in der Stadt einfach nicht mehr willkommen fühlen“, so wird Verkehrsministerin Elke van den Brandt in dem Beitrag zitiert. 

Wenn die grüne Verkehrsministerin das wirklich so gesagt hat, war das ein kapitaler Fehler. Denn:

  • Wir alle sind potenzielle Autofahrer. Selbst wenn wir kein Auto besitzen, wird es Situationen geben, in denen wir auf eins angewiesen sind – selbst am Steuer oder als Mitfahrerin. Zur Dialyse, zur Entbindung, zur Beerdigung, zur Nachtschicht, zu Freunden in der Pampa.  

  • Vom generischen Maskulinum mal abgesehen: Die Unterscheidung zwischen „Autofahrern“, „Bahnfahrern“ „Radfahrern“ und „Fußgängern“ suggeriert, dass es über die situative Verkehrsmittelwahl hinaus irgendwelche Gemeinsamkeiten innerhalb dieser Gruppen gibt. Versuchen Sie mal zu definieren, welche das sind. Autofahrer sind so und Radfahrer sind anders? Was für ein Blödsinn.

  • Die Zahl der „monomodalen“ Verkehrsmittelnutzer nimmt ab, besonders dort, wo intelligente Alternativen verfügbar sind. Es gehört zur neuen Normalität, dass Menschen multimodal unterwegs sind, also je nach Wegelänge und Wegezweck unterschiedliche Verkehrsmittel benutzen. Und dass sie verschiedene Verkehrsmittel intelligent miteinander kombinieren.  Mit dem Auto zur Bahn, mit der Bahn in die nächste Stadt – und danach mit dem Nextbike oder zu Fuß zum Ziel.  Nur-Autofahrer sind ein Auslaufmodell.

  • Es entspricht einem verqueren Menschenbild, die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt nach der Fahrzeugwahl einzuteilen. Ähnlich sinnlos wäre es, eine entschiedene Pro-Anzugträger oder Contra-Sneaker-Politik zu machen.

  • Die Politikerin meint eigentlich etwas ganz anderes, nämlich: Wir wollen mehr Sicherheit und Lebensqualität in der Stadt für alle – und dafür ist es wichtig, den überbordenden Autoverkehr einzudämmen.

Auf einer tieferen Ebene steckt noch ein anderer Fehler in der misslungenen Formulierung: Der Fehler der Polarisierung.

Politik und Medien greifen mit solchen willkürlichen Zuschreibungen gern in dieselbe Klamottenkiste der Schwarzweißmalerei. Sie treiben einen künstlichen Keil zwischen die vermeintlichen „Autofahrer“ und die vermeintlich „anderen“. Weil das die Menschen so schön aufregt – und Aufregung sich im politischen und medialen Raum immer noch gut verkauft.

In einer überaufgeregten, überpolarisierten Welt führt das zu keinem guten Ende.

Wenn wir die Verkehrswende wuppen und unsere Gesellschaft zusammen halten wollen, wäre es gut, die Menschen als das zu sehen, was sie sind: Als Individuen, die möglichst komfortabel, günstig und sicher von A nach B kommen wollen. Und die sich freuen, wenn vor ihrer Haustür etwas Grün und Platz zum Schlendern, Spielen und Plaudern ist.

Die „Autofahrer“ gibt es nicht. Wir sind alle Menschen.

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